CI in einem größeren Zusammenhang
Je länger je mehr ist es mir ein Anliegen, das, was wir in der Contact Improvisation (CI) lernen, erfahren und erleben, in einen gesellschaftlichen Zusammenhang zu stellen.
Schon lange weiß ich um die politische Dimension dieser Tanzform, die seit über 25 Jahren mein Leben bereichert, es sehr verändert hat und daraus nicht mehr wegzudenken ist. Schließlich ist CI entstanden im Geist des Aufbruchs der frühen Siebziger Jahre, es ging um die Demokratisierung des Tanzes, um ein Zurückfinden zum Sozialen Aspekt des Tanzens, um die Befreiung von der Hierarchie Choreograph-Ensemble, von der Abhängigkeit zur Musik, um die Auflösung der Unterscheidung zwischen ästhetischer Bewegung und Alltagsbewegung.

Es waren letztendlich die philosophischen Texte von Charles Eisenstein, die mir die Augen öffneten für die auf der Hand liegende Verbindung zu den großen gesellschaftlichen Themen wie Ökonomie, Demokratie, Bildung, Ökologie.

Eisenstein benennt immer wieder das"Getrenntsein“ als irrtümliche Annahme und Grundlage unserer Kultur :

Ich spreche viel von der „Geschichte vom Selbst“, die in jeder Kultur erzählt wird, sie beantwortet so die Frage: wer bist du?
Was bedeutet es, Mensch zu sein?
Unsere Kultur sagt, du bist ein Einzelwesen, umgeben von anderen von dir abgetrennten Einzelwesen in einem Universum, das auch von dir abgetrennt ist.
Du bist nicht ich. Diese Pflanze ist nicht ich … sie ist etwas anderes.
Und dieses Selbstbild, dieses Märchen von vereinzelten, abgetrennten Individuen, bestimmt und erschafft unsere Welt.
Wenn du ein einzelnes, losgelöstes Wesen bist, und draußen gibt es lauter andere einzelne losgelöste Wesen, begegnest du dem Universum gleichgültig oder sogar feindlich. Und auf jeden Fall möchtest du in der Lage sein, Kontrolle auszuüben. Du möchtest Macht haben über andere Wesen und auch über diese launischen, willkürlichen Naturgewalten, die dich jederzeit auslöschen könnten.
Doch diese Geschichte vom Selbst, die wir da erzählen, stellt sich als hinfällig heraus, als veraltet, als unwahr, wir spüren keine Resonanz mehr.
Sie generiert Krisen, die auf unseren vielfältigen Methoden beruhen, Kontrolle ausüben zu wollen.
Und hier entsteht ein leerer Raum, in den wir eintreten können, um eine neue Geschichte vom Selbst entstehen zu lassen, ein neues Bild von der Menschheit.

(Auszug aus dem Filmchen „Sacred Economics“; Übersetzung von mir, link zum Film: http://sacred-economics.com)

Meinem Erleben nach ist die Contact Improvisation einer von vielen möglichen und nötigen Wegen, diese neue Geschichte vom Selbst entstehen zu lassen  - schlicht und einfach indem wir am eigenen Leib erfahren, dass Verbundenheit real und wahr ist.

Gemeinsam mit meiner Freundin und Kollegin Eva Daubert habe ich basierend auf Eisensteins Gedanken einen getanzten Vortrag zu diesen Fragen entwickelt.
Während wir ein Contact Duett miteinander tanzen, unsere Verbindung miteinander und zur Erde also sichtbar und sinnlich wird, sprechen wir über Themen des gesellschaftlichen Wandels.


Es ist mir ein Anliegen, vielen Menschen zu ermöglichen, dass sie diese Erfahrung machen.
Deswegen unterrichte ich Contact Improvisation zwar immer wieder gern auch innerhalb der Tanzszene, aber noch viel lieber in ganz anderen Zusammenhängen. Ich habe Lehrhaufträge an Hochschulen, arbeite gern mit Jugendlichen und Kindern, öffne meine Kurse und Workshops für Menschen mit Behinderungen, suche immer neue Nischen.
In letzter Zeit forsche ich daran, wie CI - als Erfahrung nicht als Werkzeug, das wäre mir zu sehr funktionalisierend - all jenen Prozessen und Fragestellungen dienlich sein kann, die
entstehen, wenn Menschen in Gemeinschaft leben wollen:
  • Gemeinschaftsbildung
  • Entscheidungsfindung
  • Kommunikation
  • neue Wege in der Ökonomie
  • Alternativen zum Bildungsnotstand
Alle Interessierten sind eingeladen, sich im August während des Sommerfestivals in Gemeinschaft in der Zukunftswerkstatt Tempelhof ein Bild davon z machen, wie das aussehen könnte. Hier ist der Link zum Programm:
http://www.schloss-tempelhof.de/veranstaltung/programm-sommerfestival-2014/



CI und Gemeinschaft
2012 habe ich mit einigen Gleichgesinnten einen Anlauf unternommen, in Engelthal bei Nürnberg eine Gemeinschaft zu gründen, deren Herzstück die Contact Improvisation sein sollte.
http://www.youtube.com/watch?v=wXcRCmeRrqghttp://www.youtube.com/watch?v=wXcRCmeRrqg
Das Projekt scheiterte daran, dass wir uns nicht hoch verschulden wollten - das schien uns kein guter Anfangspunkt, denn dann hätte unser Tun sich erst einmal darum drehen müssen, Geld zu erwirtschaften. Warum ich Arbeit und Einkommen gern trennen würde, dazu kann man im Abschnitt GIB WAS DU KANNST mehr erfahren. Dort erkläre ich, welche Alternative zu Kursbegühren ich gefunden habe - und warum mir das ein Anliegen ist.

Diesen Text habe ich während der Planungsphase für die Engelthal-Gemeinschaft geschrieben:

Der Ökonomische Grundgedanke
des Engelthaler Projekts


Wir wollen mit dem Engelthal-Projekt der visionären, aber zukunftsträchtigen Idee der Schenkwirtschaft folgen.

Mit „Sacred Economics“ bringt Charles Eisenstein sehr klar auf den Punkt, warum unser Wirtschaftssystem in einer Krise steckt, aus der es sich nicht unter Beibehaltung der derzeitig vorherrschenden Logik des Geldes befreien kann: Unser Wirtschaftssystem (geprägt von den Größen Mangel, Zinsen, Wachstum) zwingt uns dazu, immer mehr Dinge, die früher umsonst waren, und zu Konsumgütern oder bezahlten Dienstleistungen zu machen.
Dadurch entfremden wir uns sowohl von der Natur (wir betrachten unsere Umwelt nur noch als Ansammlung nutzbar zu machender Ressourcen) als auch von unseren Mitmenschen (an die Stelle von Gemeinschaft treten Konkurrenz und Wettbewerb).
Dabei wissen oder ahnen wir eigentlich, dass wir die wirklich wichtigen Dinge, und die Dinge, die uns glücklich machen, nicht verdienen können. Sie werden uns geschenkt: die Luft zum Atmen, die Sonne, unser Leben.
Eisenstein plädiert für eine Schenkwirtschaft: Wer zu viel von etwas hat, gibt anderen davon ab, die weniger davon haben, und erntet Dankbarkeit. Wer etwas gut kann, lässt andere davon profitieren und erfährt dadurch das Glück, etwas zum Gemeinwohl beizutragen.
Diese Erfahrung, einander zu brauchen, erzeugt Gemeinschaft. Dadurch (und nicht durch monetäre Absicherung und Abhängigkeit – unsere Art der „Versicherung“ ) entsteht Sicherheit.
Vor allem bedeutet es, dass nicht Geld zum Motor für unser Handeln wird, sondern der Wunsch, etwas zu tun, beizutragen, eine Idee zu verwirklichen, zu der man sich berufen fühlt.

Und er ist nicht der einzige, der das für möglich hält.
Es gibt in Deutschland schon seit vielen Jahren eine Bank, die mit dem Begriff „Schenkwirtschaft“ operiert, die GLS-Bank und ihr angegliederte GLS Treuhand, die vermittelt zwischen Menschen, die schenken wollen, und Projekten, die Schenkungen benötigen, um ihre Ideen umzusetzen. Es ist also ganz bestimmt nicht die undurchdacht in den Raum geworfene Idee eines weltfremden Spinners, sondern vielleicht das Wirtschaftsmodell der Zukunft. Der Wiener Ökonom Christian Felber hat ein derzeit vielbeachtetes Buch geschrieben, das auf ähnlichen Gedanken basiert: “Gemeinwohlökonomie“.

Was bedeutet das konkret für unser Projekt in Engelthal?
Es gibt in Deutschland, nein auf der ganzen Welt viele Menschen (und es werden immer mehr), die die Tanzform Contact Improvisation praktizieren. Sie haben das in der Praxis gelernt , größtenteils selbst organisiert und auf eigene Initiative hin - in Kursen, Workshops, Fortbildungen. Die meisten von diesen sehr qualifizierten Menschen verdienen ihr Geld mit etwas völlig anderem. Und CI betreiben sie nebenher, als Hobby. Es hat sich eine ausgeprägte Jam- und Festivalkultur auf der ganzen Welt entwickelt. Die Menschen treffen sich an Wochenenden oder in ihren Ferien, um dem nachzugehen, was ihnen so viel Spaß macht. Der Rest der Welt bekommt davon wenig mit – leider. Denn diese Tanzform hat der Welt etwas anzubieten.
Wir können hier einen achtsamen Umgang mit unserem eigenen Körper lernen, sie eröffnet einen Raum, sich ebenbürtig und offen zu begegnen.
Und – nicht zuletzt - sie bietet sie ein riesige und völlig Erfahrungs- und Experimentierfeld, das Erkenntnisse für nahezu alle Factten des Lebens generieren kann - wenn wir uns bewusst, fragend und froschend hineinbegeben.
In Engelthal soll die Contact Improvisation in einen neuen Zusammenhang gesetzt werden.
Damit sie ihr gesellschaftlich relevantes Potenzial entfalten kann, wollen wir einen Raum schaffen, an dem sich Erfahrene und völlige Neulinge treffen.
Diese „Neulinge“ könnten sein:
eine Gruppe Jugendlicher mit Down Syndrom, blinde und sehbehinderte Erwachsene, Menschen mit Psychatrieerfahrung, Eltern und ihre Kinder, Jugendgruppen, Menschen mit körperlichen Behinderungen, TeilnehmerInnen mit Esstörungen, ManagerInnen, ...

Beide Seiten werden etwas lernen dabei.
Manchmal wird es Formate geben, die relativ gut in unser landläufiges Wirtschaftsdenken passen: eine Lehrerin unterrichtet eine Gruppe von 40 Laien, mache von ihnen sind blind.
Aber in anderen Fällen wird sich das nicht so einfach gestalten: eine Gruppe von 10 sehenden Menschen, die viele Jahre Erfahrung mit CI haben, trifft in der Turnhalle zusammen mit einer Gruppe Blinder. Ist das eine 1-zu-1 Betreuung und damit unrentabel?
Das ,was wir mit Menschen teilen wollen, ist das urmenschliche (in unserer Gesellschaft aber meist zu kurz gekommene) Bedürfnis, dass Menschen einander begegnen.
Wie wäre das zu bezahlen?
Für wen ist es Arbeit und für wen Freizeit?
Wer lernt hier von wem?
Was, wenn die Gruppe der Sehenden „mehr“ neue Erfahrungen mitnimmt als die Gruppe der Sehbehinderten?
Charles Eisensteins Ausführungen darüber, wie absurd es ist, etwas, das ursprünglich ein Geschenk war, zu einer Dienstleistung zu machen, bestärkt uns in dem Wunsch, das Vorhaben nicht als profitorientiertes „Unternehmen“ anzulegen, sondern an den Gedanken der Schenkwirtschaft anzuknüpfen.
Wir glauben sehr fest daran, dass das funktionieren kann, weil unsere ganze Planungsphase für dieses Projekt bisher vom Schenken geprägt war:
unsere Website
die Probenentnahme für die Schadstoffprüfung
die professionelle Produktion eines Trailers
viele Stunden beraterischer Arbeit
… all das haben uns Menschen geschenkt, die von der Idee begeistert sind.